{"id":42,"date":"2015-10-02T14:45:18","date_gmt":"2015-10-02T14:45:18","guid":{"rendered":"http:\/\/klavier-stimmerservice.de\/?p=42"},"modified":"2019-10-27T12:18:09","modified_gmt":"2019-10-27T12:18:09","slug":"warum-klavierspielen-das-gehirn-aufmobelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/klavier-stimmerservice.de\/index.php\/2015\/10\/02\/warum-klavierspielen-das-gehirn-aufmobelt\/","title":{"rendered":"Warum Klavierspielen das Gehirn aufm\u00f6belt"},"content":{"rendered":"<p>Herr Prof. Altenm\u00fcller, Sie leiten das Institut f\u00fcr Musikphysiologie und Musikermedizin in Hannover, haben aber einen schw\u00e4bischen Akzent &#8230;<\/p>\n<p>Richtig, ich komme aus Rottweil in Schwaben. Von dort, wo die Hunde gez\u00fcchtet werden, die laut wissenschaftlicher Untersuchungen zu den drei intelligentesten Hunderassen geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Hunde sind aber nicht Ihr eigentliches Fachgebiet?<\/p>\n<p>Mein Fachgebiet hei\u00dft Musik, Gehirn und alles, was damit zusammen h\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Und Hunde machen keine Musik?<\/p>\n<p>Nicht das, was Sie oder ich als Musik empfinden. Man kann sie nur darauf konditionieren, mechanisch eine kleine Melodie am Klavier zu spielen.<\/p>\n<p>Was passiert im Gehirn, wenn ein Mensch anf\u00e4ngt, ein Musikinstrument zu lernen?<\/p>\n<p>Schon nach der ersten Klavierstunde vernetzen sich jene Zentren im Gehirn, die f\u00fcr das H\u00f6ren zust\u00e4n\u00addig sind, mit den Zentren, die zum Bewegen der Finger ben\u00f6tigt werden. Nach drei Wochen mit 20 Minu\u00adten \u00dcben pro Tag verfestigt sich diese Vernetzung so sehr, dass sie \u00fcber Jahre erhalten bleibt.<\/p>\n<p>Was ist positiv an diesen Ver\u00e4nderungen?<\/p>\n<p>Das Positive ist, dass wir zum einen M\u00f6glichkeiten haben, bei Funktionsst\u00f6rungen angelegte Ersatznetzwerke zu benutzen. So sind z.B. die Auswirkungen eines Schlaganfalls bei einem Musiker in der Regel geringer ausgepr\u00e4gt. Wenn Kinder Musik machen, sind sie im Spracherwerb und in der emotionalen Erkennung von Lauten besser; zudem gehen sie mehr auf andere Kinder ein.<\/p>\n<p>Welche Unterschiede gibt es beim Klavierlernen zwischen Erwachsenen und Kindern?<\/p>\n<p>Erwachsene brauchen etwas l\u00e4nger, um diese Netzwerke zu kn\u00fcpfen \u2013 je \u00e4lter, desto l\u00e4nger. Das hat damit zu tun, dass diese Verkn\u00fcpfungsarbeit im Gehirn von Neurohormonen wie Dopamin abh\u00e4ngig ist, die, je \u00e4lter wir werden, in einer immer geringeren Konzentration vorhanden sind. Der zweite Punkt: Wenn Erwachsene lernen, haben sie einen anderen Lernstil, n\u00e4mlich einen eher expliziten. Das hei\u00dft, sie bauen sehr viel auf Erkl\u00e4rungen. Kinder haben im Gegensatz dazu einen impliziten Lernstil, das hei\u00dft, sie bauen sehr viel mehr auf Erfahrung und auf eigenes Tun. Und dieser implizite Lernstil pr\u00e4gt sich meist tiefer und schneller ein, als der explizite. Aber auch Erwachsene k\u00f6nnen sich den impliziten Lernstil antrainieren und ein Instrument lernen.<\/p>\n<p>Kennen Sie selbst Beispiele daf\u00fcr?<\/p>\n<p>Meine Frau ist Cellolehrerin und hat eine 52-j\u00e4hrige Zahn\u00e4rztin als Sch\u00fclerin. Die Dame hat k\u00fcrzlich \u2013 nach nur zwei Jahren Unterricht \u2013 ein wundersch\u00f6nes Cello-Konzert von Breval wirklich gut vorgespielt. Das Cello eignet sich aus verschiedenen Gr\u00fcnden sehr gut f\u00fcr erwachsene Sch\u00fcler, das Klavier ist aber noch etwas besser geeignet.<\/p>\n<p>Hat das Klavier wegen der n\u00f6tigen Koordination zwischen den H\u00e4nden eine besondere Bedeutung f\u00fcr das Kn\u00fcpfen neuer neuronaler Netze?<\/p>\n<p>Beim Klavier ist es in der Tat so, dass die Rechts-Links-Koordination noch pr\u00e4ziser sein muss als bei der Geige. Au\u00dferdem bezieht das Klavier aufgrund der n\u00f6tigen Pedalkontrolle auch die F\u00fc\u00dfe mit ein. Pedalisierung ist eine hohe Kunst, auch da kommt es aufs Timing an. Der dritte Punkt ist, dass wohl nur bei Pianisten und Organisten eine so deutliche Vernetzung zwischen linker und rechter Hirnh\u00e4lfte als Abgleich zwischen der Aktivit\u00e4t von links und rechts eine Rolle spielt.<\/p>\n<p>Woher wissen Sie das?<\/p>\n<p>Die Ver\u00e4nderung des \u201eBalkens\u201c, der gro\u00dfen Verbindung zwischen beiden Hirnh\u00e4lften, ist bei Pianisten regelm\u00e4\u00dfig am gr\u00f6\u00dften.<\/p>\n<p>Gibt es weitere Besonderheiten?<\/p>\n<p>Beim Klavier ben\u00f6tigt man extrem schnelle Fingerbewegungen, speziell das Heben der Finger spielt f\u00fcr das artikulierte Spielen eine ganz gro\u00dfe Rolle. Auch die von beiden H\u00e4nden zu realisierende Polyrhythmik ist eine Besonderheit. Denken<br \/>\nSie z.B. an \u201eFantaisie Impromptu\u201c von Chopin. Da haben Sie links Quintolen, rechts Sechzehntel. Daf\u00fcr ist es wichtig, dass die beiden Handzentren unabh\u00e4ngig sind und zwei voneinander unabh\u00e4ngige Zeitgeber wirken. Noch extremer ist es, wenn Sie einige der Ligeti-Et\u00fcden anschauen. Hirn\u00adphysiologisch betrachtet ist das h\u00f6chste Artistik.<\/p>\n<p>Dominiert bei Erwachsenen die f\u00fcr kognitive Pro\u00adzesse zust\u00e4ndige linke Gehirnh\u00e4lfte h\u00e4ufig zu stark?<\/p>\n<p>Erwachsene neigen dazu, sich Dinge bewusst zu machen, sie zu verbalisieren, und dann kommen sie tats\u00e4chlich mit der linken Gehirnh\u00e4lfte st\u00e4rker in Aktivierung. Wir m\u00fcssen uns aber schon im Klaren dar\u00fcber sein \u2013 das ist wichtig \u2013 dass wir immer beide Gehirnh\u00e4lften f\u00fcr alles ben\u00f6tigen, nat\u00fcrlich mit unterschiedlichen Gewichtungen.<\/p>\n<p>Ein Beispiel?<\/p>\n<p>Nehmen Sie die Sprache, so wie Sie mich jetzt h\u00f6ren: Die linke Gehirnh\u00e4lfte sagt den seman\u00adtischen Content, die Logik und die Grammatik. Meine rechte Gehirnh\u00e4lfte aber hat Ihnen innerhalb weniger Sekunden gesagt, dass ich Schwabe bin, dass ich im Moment gut gelaunt und relativ aktiv bin, weil ich gut geschlafen habe. Und das ist der emotionale Kontakt. Beides ist immer untrennbar miteinander verbunden.<\/p>\n<p>Kann man die rechte Gehirnh\u00e4lfte beim Klavierspielen gezielt stimulieren, beispielsweise durch freie Improvisation statt Spielen nach Noten?<\/p>\n<p>Wenn wir sozusagen unseren Wahrnehmungs\u00admodus ver\u00e4ndern, k\u00f6nnen wir die linke bzw. rechte Gehirnh\u00e4lfte stimulieren, die jeweils andere wird aber immer mitstimuliert.<\/p>\n<p>Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Hemmnisse, wenn Erwachsene Klavier lernen?<\/p>\n<p>Der gr\u00f6\u00dfte Stolperstein f\u00fcr den Erwachsenen beim Lernen eines Instruments ist ein \u00fcberzogener Selbstanspruch \u2013 die CD-Sammlung zu Hause mit den Einspielungen eines Lang Lang und anderer Pianogr\u00f6\u00dfen. Das hei\u00dft, Erwachsene setzen sich selbst wahnsinnig unter Druck. Sie verkrampfen, wollen zu schnell zuviel und fahren sich dabei fest. Beim Kind bilden sich Motorik und H\u00f6rwahrnehmung dagegen parallel aus. Beim Erwachsenen ist die H\u00f6rwahrnehmung praktisch fertig. Die Motorik muss dagegen trainiert werden, wird aber vom Geh\u00f6r diktatorisch unter Druck gesetzt.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft: W\u00e4hrend der erwachsene Anf\u00e4nger das eigene Gekratze auf der Geige schrecklich findet, freut sich das Kind \u00fcber die selbst erzeugten T\u00f6ne.<\/p>\n<p>Genau, und so sollte es eigentlich sein.<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnen Erwachsene tats\u00e4chlich besser?<\/p>\n<p>Ihre gro\u00dfe Chance ist, dass sie nat\u00fcrlich besser verstehen. Sie k\u00f6nnen einem Erwachsenen den Daumenuntersatz etwa wie folgt erkl\u00e4ren: Ich muss jetzt auf dem \u00dcbergang vom e zum f den Daumen untersetzen, sollte vorher aber den Daumen rechtzeitig in Position bringen. Ich muss also vorausschauend die Bewegung planen.<\/p>\n<p>Welche weiteren Chancen bieten sich f\u00fcr den Erwachsenen aus motorischer Sicht?<\/p>\n<p>Der Erwachsene kann seine Bewegungsabl\u00e4ufe besser \u00fcberblicken. Wenn er schon anderweitig feinmotorisch geschult ist, kann er das \u00fcbertragen. Die Zahn\u00e4rztin, die bei meiner Frau Cello lernt, ist immer eine Feinmotorikarbeiterin gewesen. Auch wer viel an Schreibmaschine oder Computertastatur gesessen hat, hat bereits motorische Voraussetzungen f\u00fcr das Klavierspielen entwickelt.<\/p>\n<p>Lassen sich aus Ihren Untersuchungen konkrete Ratschl\u00e4ge zum Musizieren und \u00dcben ableiten?<\/p>\n<p>Punkt 1: Erwachsene k\u00f6nnen l\u00e4nger \u00fcben als Kinder, weil sie eine l\u00e4ngere Aufmerksamkeitsspanne haben. Bei einem 55-j\u00e4hrigen Anf\u00e4nger mit einer schwierigen Aufgabe \u2013 z.B. einer polyfonen zweistimmigen Invention \u2013 w\u00fcrde ich aber nicht mehr als etwa 20 Minuten ansetzen. Anschlie\u00dfend l\u00e4sst die Konzentra\u00adtion nach. Punkt 2: Erwachsene sollten sich beim Spielen im Spiegel betrachten und sich mit einem Kreisen fokussierter Aufmerksamkeit beobachten: Schulter, R\u00fccken, Handgelenk, Br\u00fccke, Finger. Immer wieder der Reihe nach abfragen: Ist meine Pedalarbeit in Ordnung, sind die Finger richtig in Position? Dieses Kreisen der Aufmerksamkeit k\u00f6nnen Erwachsene sehr gut \u00fcben. Der dritte Punkt: Entscheidend ist die Freude am Klang. Dass man so etwas Tolles wie Klavierspielen machen kann! Nicht gleich zielorientiert denken: Das muss klingen wie auf der Aufnahme von Andr\u00e1s Schiff. Und keine Angst vor Fehlern, weil das Leistungsdruck hervorruft.<\/p>\n<p>Musizieren soll das Risiko mindern, im Alter an Demenz zu erkranken. Stimmt das?<\/p>\n<p>Der Effekt ist nicht riesengro\u00df, aber er ist da. Populationsstudien mit Altersdemenz zeigen, dass Menschen, die regelm\u00e4\u00dfig Musik machen, seltener und sp\u00e4ter dement werden \u2013 nachzulesen in den Studien von Verghese (siehe Quellenangaben auf S. 77, Anm.d.Red). Noch etwas mehr wird nach dieser Studie das Demen\u00adzrisiko allerdings durch Gruppentanz und Schachspielen gesenkt.<\/p>\n<p>Ziehen wir folglich das Fazit, dass man als Musiker auch Schach spielen und tanzen sollte?<\/p>\n<p>Das ist sicher spekulativ, aber: Musizieren stellt etwas dar, was wir im Tierreich das sogenannte angereicherte Umgebungsexperiment nennen. Tiere, die in einer angereicherten, stimulations\u00adreichen Umgebung aufwachsen, erleiden sp\u00e4ter Demenz als Tiere, die in einem zweidimensionalen kleinen K\u00e4fig sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr Prof. Altenm\u00fcller, Sie leiten das Institut f\u00fcr Musikphysiologie und Musikermedizin in Hannover, haben aber einen schw\u00e4bischen Akzent &#8230;<\/p>\n<p>Richtig, ich komme aus Rottweil in Schwaben. 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