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Warum Klavierspielen das Gehirn aufmöbelt

Warum Klavierspielen das Gehirn aufmöbelt

Herr Prof. Altenmüller, Sie leiten das Institut für Musikphysiologie und Musikermedizin in Hannover, haben aber einen schwäbischen Akzent …

Richtig, ich komme aus Rottweil in Schwaben. Von dort, wo die Hunde gezüchtet werden, die laut wissenschaftlicher Untersuchungen zu den drei intelligentesten Hunderassen gehören.

Hunde sind aber nicht Ihr eigentliches Fachgebiet?

Mein Fachgebiet heißt Musik, Gehirn und alles, was damit zusammen hängt.

Und Hunde machen keine Musik?

Nicht das, was Sie oder ich als Musik empfinden. Man kann sie nur darauf konditionieren, mechanisch eine kleine Melodie am Klavier zu spielen.

Was passiert im Gehirn, wenn ein Mensch anfängt, ein Musikinstrument zu lernen?

Schon nach der ersten Klavierstunde vernetzen sich jene Zentren im Gehirn, die für das Hören zustän­dig sind, mit den Zentren, die zum Bewegen der Finger benötigt werden. Nach drei Wochen mit 20 Minu­ten Üben pro Tag verfestigt sich diese Vernetzung so sehr, dass sie über Jahre erhalten bleibt.

Was ist positiv an diesen Veränderungen?

Das Positive ist, dass wir zum einen Möglichkeiten haben, bei Funktionsstörungen angelegte Ersatznetzwerke zu benutzen. So sind z.B. die Auswirkungen eines Schlaganfalls bei einem Musiker in der Regel geringer ausgeprägt. Wenn Kinder Musik machen, sind sie im Spracherwerb und in der emotionalen Erkennung von Lauten besser; zudem gehen sie mehr auf andere Kinder ein.

Welche Unterschiede gibt es beim Klavierlernen zwischen Erwachsenen und Kindern?

Erwachsene brauchen etwas länger, um diese Netzwerke zu knüpfen – je älter, desto länger. Das hat damit zu tun, dass diese Verknüpfungsarbeit im Gehirn von Neurohormonen wie Dopamin abhängig ist, die, je älter wir werden, in einer immer geringeren Konzentration vorhanden sind. Der zweite Punkt: Wenn Erwachsene lernen, haben sie einen anderen Lernstil, nämlich einen eher expliziten. Das heißt, sie bauen sehr viel auf Erklärungen. Kinder haben im Gegensatz dazu einen impliziten Lernstil, das heißt, sie bauen sehr viel mehr auf Erfahrung und auf eigenes Tun. Und dieser implizite Lernstil prägt sich meist tiefer und schneller ein, als der explizite. Aber auch Erwachsene können sich den impliziten Lernstil antrainieren und ein Instrument lernen.

Kennen Sie selbst Beispiele dafür?

Meine Frau ist Cellolehrerin und hat eine 52-jährige Zahnärztin als Schülerin. Die Dame hat kürzlich – nach nur zwei Jahren Unterricht – ein wunderschönes Cello-Konzert von Breval wirklich gut vorgespielt. Das Cello eignet sich aus verschiedenen Gründen sehr gut für erwachsene Schüler, das Klavier ist aber noch etwas besser geeignet.

Hat das Klavier wegen der nötigen Koordination zwischen den Händen eine besondere Bedeutung für das Knüpfen neuer neuronaler Netze?

Beim Klavier ist es in der Tat so, dass die Rechts-Links-Koordination noch präziser sein muss als bei der Geige. Außerdem bezieht das Klavier aufgrund der nötigen Pedalkontrolle auch die Füße mit ein. Pedalisierung ist eine hohe Kunst, auch da kommt es aufs Timing an. Der dritte Punkt ist, dass wohl nur bei Pianisten und Organisten eine so deutliche Vernetzung zwischen linker und rechter Hirnhälfte als Abgleich zwischen der Aktivität von links und rechts eine Rolle spielt.

Woher wissen Sie das?

Die Veränderung des „Balkens“, der großen Verbindung zwischen beiden Hirnhälften, ist bei Pianisten regelmäßig am größten.

Gibt es weitere Besonderheiten?

Beim Klavier benötigt man extrem schnelle Fingerbewegungen, speziell das Heben der Finger spielt für das artikulierte Spielen eine ganz große Rolle. Auch die von beiden Händen zu realisierende Polyrhythmik ist eine Besonderheit. Denken
Sie z.B. an „Fantaisie Impromptu“ von Chopin. Da haben Sie links Quintolen, rechts Sechzehntel. Dafür ist es wichtig, dass die beiden Handzentren unabhängig sind und zwei voneinander unabhängige Zeitgeber wirken. Noch extremer ist es, wenn Sie einige der Ligeti-Etüden anschauen. Hirn­physiologisch betrachtet ist das höchste Artistik.

Dominiert bei Erwachsenen die für kognitive Pro­zesse zuständige linke Gehirnhälfte häufig zu stark?

Erwachsene neigen dazu, sich Dinge bewusst zu machen, sie zu verbalisieren, und dann kommen sie tatsächlich mit der linken Gehirnhälfte stärker in Aktivierung. Wir müssen uns aber schon im Klaren darüber sein – das ist wichtig – dass wir immer beide Gehirnhälften für alles benötigen, natürlich mit unterschiedlichen Gewichtungen.

Ein Beispiel?

Nehmen Sie die Sprache, so wie Sie mich jetzt hören: Die linke Gehirnhälfte sagt den seman­tischen Content, die Logik und die Grammatik. Meine rechte Gehirnhälfte aber hat Ihnen innerhalb weniger Sekunden gesagt, dass ich Schwabe bin, dass ich im Moment gut gelaunt und relativ aktiv bin, weil ich gut geschlafen habe. Und das ist der emotionale Kontakt. Beides ist immer untrennbar miteinander verbunden.

Kann man die rechte Gehirnhälfte beim Klavierspielen gezielt stimulieren, beispielsweise durch freie Improvisation statt Spielen nach Noten?

Wenn wir sozusagen unseren Wahrnehmungs­modus verändern, können wir die linke bzw. rechte Gehirnhälfte stimulieren, die jeweils andere wird aber immer mitstimuliert.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Hemmnisse, wenn Erwachsene Klavier lernen?

Der größte Stolperstein für den Erwachsenen beim Lernen eines Instruments ist ein überzogener Selbstanspruch – die CD-Sammlung zu Hause mit den Einspielungen eines Lang Lang und anderer Pianogrößen. Das heißt, Erwachsene setzen sich selbst wahnsinnig unter Druck. Sie verkrampfen, wollen zu schnell zuviel und fahren sich dabei fest. Beim Kind bilden sich Motorik und Hörwahrnehmung dagegen parallel aus. Beim Erwachsenen ist die Hörwahrnehmung praktisch fertig. Die Motorik muss dagegen trainiert werden, wird aber vom Gehör diktatorisch unter Druck gesetzt.

Das heißt: Während der erwachsene Anfänger das eigene Gekratze auf der Geige schrecklich findet, freut sich das Kind über die selbst erzeugten Töne.

Genau, und so sollte es eigentlich sein.

Was können Erwachsene tatsächlich besser?

Ihre große Chance ist, dass sie natürlich besser verstehen. Sie können einem Erwachsenen den Daumenuntersatz etwa wie folgt erklären: Ich muss jetzt auf dem Übergang vom e zum f den Daumen untersetzen, sollte vorher aber den Daumen rechtzeitig in Position bringen. Ich muss also vorausschauend die Bewegung planen.

Welche weiteren Chancen bieten sich für den Erwachsenen aus motorischer Sicht?

Der Erwachsene kann seine Bewegungsabläufe besser überblicken. Wenn er schon anderweitig feinmotorisch geschult ist, kann er das übertragen. Die Zahnärztin, die bei meiner Frau Cello lernt, ist immer eine Feinmotorikarbeiterin gewesen. Auch wer viel an Schreibmaschine oder Computertastatur gesessen hat, hat bereits motorische Voraussetzungen für das Klavierspielen entwickelt.

Lassen sich aus Ihren Untersuchungen konkrete Ratschläge zum Musizieren und Üben ableiten?

Punkt 1: Erwachsene können länger üben als Kinder, weil sie eine längere Aufmerksamkeitsspanne haben. Bei einem 55-jährigen Anfänger mit einer schwierigen Aufgabe – z.B. einer polyfonen zweistimmigen Invention – würde ich aber nicht mehr als etwa 20 Minuten ansetzen. Anschließend lässt die Konzentra­tion nach. Punkt 2: Erwachsene sollten sich beim Spielen im Spiegel betrachten und sich mit einem Kreisen fokussierter Aufmerksamkeit beobachten: Schulter, Rücken, Handgelenk, Brücke, Finger. Immer wieder der Reihe nach abfragen: Ist meine Pedalarbeit in Ordnung, sind die Finger richtig in Position? Dieses Kreisen der Aufmerksamkeit können Erwachsene sehr gut üben. Der dritte Punkt: Entscheidend ist die Freude am Klang. Dass man so etwas Tolles wie Klavierspielen machen kann! Nicht gleich zielorientiert denken: Das muss klingen wie auf der Aufnahme von András Schiff. Und keine Angst vor Fehlern, weil das Leistungsdruck hervorruft.

Musizieren soll das Risiko mindern, im Alter an Demenz zu erkranken. Stimmt das?

Der Effekt ist nicht riesengroß, aber er ist da. Populationsstudien mit Altersdemenz zeigen, dass Menschen, die regelmäßig Musik machen, seltener und später dement werden – nachzulesen in den Studien von Verghese (siehe Quellenangaben auf S. 77, Anm.d.Red). Noch etwas mehr wird nach dieser Studie das Demen­zrisiko allerdings durch Gruppentanz und Schachspielen gesenkt.

Ziehen wir folglich das Fazit, dass man als Musiker auch Schach spielen und tanzen sollte?

Das ist sicher spekulativ, aber: Musizieren stellt etwas dar, was wir im Tierreich das sogenannte angereicherte Umgebungsexperiment nennen. Tiere, die in einer angereicherten, stimulations­reichen Umgebung aufwachsen, erleiden später Demenz als Tiere, die in einem zweidimensionalen kleinen Käfig sind.